Lautes Nachdenken
Es gibt da ein Problem zwischen mir und dem Rest der Welt, dass ich seit Jahren habe, eigentlich schon immer. Gerne würde ich den Dingen, die ich schön und interessant finde, nachgehen und mich der Selbstentwicklung widmen. Dem steht eine gewisse Trägheit entgegen, was jedoch im Fall der von mir für schön und interessant befundenen Dinge gar keine allzu große Rolle spielt, da sie mich schon definitionsgemäß an sich fesseln. Ihnen kann ich mich geradezu manisch hingeben.
Daneben gibt es die notwendigen Dinge, diese von denen die anderen sagen, dass ich sie unbedingt zu erledigen habe und es stimmt, meist sind sie für mich als physische und juristische Person ungleich wichtiger, als der Rest. Denen entkommt man nicht, aussitzen ist auch keine Option, doch wenn sie nicht absolut akute Dringlichkeit haben und man selbst weder persönlichen Bezug und Lust auf ihre Erledigung verspürt, dann versucht man es mit Aussitzen. Dass ist dumm. Aber das ist mein immer wieder auftauchendes Handlungsschema, so bin ich, seit ich mich erinnern kann. Außenstehenden erscheint das als Faulheit. Ist es das? Ich will mich nicht rechtfertigen und schon gar nicht die Antriebsschwäche rationalisieren, um mich der Verantwortung zu entziehen. Wenn es ein probates Mittel gegen objektgebundene Antriebsschwäche gibt, dann will ich es nutzen.
Doch ich habe keins. Jedes Mal, wenn ich mich aufraffe, mich einer Sache zu entledigen, taucht ein neuer Punkt auf der ToDo-Liste auf. Und es werden mit dem Alter immer mehr. Ich habe keine Freude daran, den Erwartungen anderer zu entsprechen. Als Kind kam ich mir unmündig vor, wenn ich eine direkte Anweisung meiner Eltern erhielt. Heute fühle ich mich bedrängt und an einer Tretmühle festgekettet, wenn ich den mir von fremder Hand auferlegten Pflichten nachkomme. Ich kann doch nichts dafür, dass ich da bin, aber der Rest der Welt macht mich für meine Existenz haftbar. Schon klar, jeder hat für sich zu sorgen und muss schauen wo er bleibt, das ist in Ordnung, problematisch finde ich, dass anscheinend jeder außer mir weiß, was das Beste für mich ist. Es sind die daraus erwachsenen Handlungsvorgaben, die ich als Zwang empfinde. Es ist deren Befolgung, die bei mir schleppend und mit Widerwillen geschieht, die immer aufs Neue vertagt wird, die sich dann zu ernsthaften Schwierigkeiten auswächst, die mir die Muße nimmt, etwas Sinnvolles, Selbstgewolltes zu entwickeln, und letztlich mein Bewusstsein so weit in Anspruch nimmt, dass ich kaum mehr Momente finde, in denen ich überhaupt nachdenken kann. Wie betäubt und in dauernder Ermüdung sitze ich da und führe ein ausgebremstes Leben. Das ist totaler Scheiß. Zu wie viel mehr wäre ich fähig, wozu ich aber nicht komme, weil ich so viele Dinge zu tun habe, die durch bloßes Anstarren nicht weniger werden. Wie kann man dem begegnen? Mit einer Jetzt-Machen-Ideologie probiere ich es seit Jahren, das hält keine zwei Tage an. Kann es eine Lösung sein, wenn man sich in ein festes Arbeitszeitkorsett zwängt? Schon meine spontane Wortwahl lässt mich zweifeln. Vielleicht ist es die Kombination von beidem mit einer Vision dessen, was man mit der Freiheit nach erfüllter Pflicht anstellen kann.
motz
Kommentare
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Ist es akut? Was ist denn passiert?
— die Schimpfe · Mär 12, 16:54 · #
Nö, nicht wirklich. Ich habe seit zwei Monaten trotz permanenter Anwesenheit kaum gearbeitet und mein ehemaliger Chef, der nur noch eine moralische Instanz ist, hat mich in einer längeren Mail deswegen zusammengeschissen. Das Schlimme ist, er hat völlig recht. Weiter hat das vorerst keine Konsequenzen, außer das dadurch der Zeitplan durcheinanderkommt. Mich nervt, dass ich die ganze Zeit wusste, dass es darauf hinausläuft. Ich bräuchte mal Urlaub, aber damit kann ich jetzt wohl nicht kommen.
— Motz · Mär 12, 19:02 · #
Vielleicht machst du nicht das Richtige… ich kenne ähnliche Mechanismen von mir, wenn ich etwas tue, das ich eigentlich nicht gern mache: Müdigkeit, die Unfähigkeit klar zu denken und totale Antriebslosigkeit. Vielleicht solltest du einen anderen Weg einschlagen.
— die Schimpfe · Mär 13, 17:29 · #
Schon seltsam, meinen Job finde ich toll und ich mache ihn wohl auch nicht schlecht, aber wenn es darum geht, das, was ich dabei herausfinde, aufs Papier zu bannen, wirds schwierig. Wahrscheinlich fehlt mir dieses Arbeitsethos, wonach man ohne es zu Hinterfragen einfach das Notwendige tut und sich hinterher in der entspannten Welt des Zeit-für-alles-andere-Habens wiederfindet. Wie ändert man sowas?
— Motz · Mär 14, 10:28 · #
Ich glaube, das ist nicht das Problem. Deine Arbeit definiert sich nicht nur über den Inhalt sondern auch über die Aufgaben, die zu erledigen sind. Und als Wissenschaftler reicht es eben nicht, nur Dinge herauszufinden, man muss diese auch verschriftlichen und kommunizieren. Wenn dir das nicht liegt, solltest du vielleicht nicht als Wissenschaftler arbeiten auch wenn es dich thematisch interessiert.
— die Schimpfe · Mär 16, 14:56 · #
Zunächst mal stehst du nicht allein da. Alles was du niedergeschrieben hast trifft auf mich auch zu und zwar mit voller Wucht. Das Problem ist, das Arbeit immer Pflicht ist, und alles was Zwang ist steht hinter dem was man möchte. Das ginge dir in jedem verdammten Beruf so. Selbst jede Form von Kunst wird Arbeit, wenn man etwas abliefern muss um zu überleben. Das Problem am theoretischen Arbeiten ist, dass man meist nichts greifbares schafft, das man sich anschauen und die eigene Leistung erkennen und bewerten kann. Bei meiner Diplomarbeit hat mir immer geholfen, wenn ich keine Lust zu schreiben hatte, ein paar Stündchen in die Gestaltung zu investieren, wobei dann der Wille am Arbeiten gelgentlich auch wieder kam. ;o)
— 'les maths · Mär 16, 21:02 · #
Hm… ich glaube nicht, dass ich naiv bin, da ich auch schon seit Jahren arbeite, um mir einen Teil meines Lebensunterhaltes zu verdienen. Deshalb denke ich, dass man durchaus Arbeit finden kann, die einem Spaß macht und nicht in dem Moment ihren Reiz verliert, in dem sie den Lebensunterhalt sichert.
— die Schimpfe · Mär 17, 13:05 · #
Hier zeigt sich der Mentalitätsunterschied. Du gehörst nunmal zu den Grundmotivierten und auch wenn du einwerfen wirst, dass du auch mal keinen Bock hast, dann ist das was anderes. Denn nach ein paar Tagen hast du deine Lustlosigkeit überwunden und machst das Notwendige, bei mir dauert das gern etwas länger. Mir fällt auch absolut kein Job ein, der mir in allen seinen Facetten nur Spaß machen würde. Die Jobprofile orientieren sich an der Gesellschaft und nicht an mir.
— Motz · Mär 25, 14:57 · #
Geh mal zum Arzt. Vielleicht hast du eine Depression (das ist durchaus ernst gemeint).
— die Schnepfe · Mär 26, 11:02 · #
Psychopharmaka zerschießen einem eh nur das Neurotransmitter/Rezeptor – Verhältnis, weshalb man im Falle des Absetzens hinterher schlechter dasteht als vorher. Zur Medikamentenabhängigkeit kommt noch die recht maue Erfolgsquote von rund 30%, weil die meisten Mittel aufs Dopamin setzen, dieses aber nur ein Puzzlestein im Hirn ist. Übrigens betrachte ich mich nicht als depressiv, das war ich vor zwei/drei Jahren, sondern als fehlsozialisiert und habe noch Hoffnung auf Besserung durch selbstgesteuerte Umerziehung.
— Motz · Mär 26, 14:18 · #
Verhaltenstherapie?
— die Schnepfe · Mär 27, 13:46 · #
Ich fand das Wort “grundmotiviert” sehr passend und denke, dass das ein Hinweis auf das Problem ist. Einige Menschen sind dauernd motiviert, machen alles mit voller Energie und sehen überall den Gewinn. Andere Menschen sehen das nicht und brauchen eine bestimmte Motivation. In der Uni war das noch einfach, mit jedem Test, jedem Bemühen und so weiter kam man einem klar definiertem Ziel näher, dem Abschluss. In der Arbeitswelt ist so ein klarer Gewinn des eigenen Handelns schwerer zu definieren. Die Motivation, weiter arbeiten zu dürfen und das entsprechende Gehalt nach Hause zu tragen ist nicht besonders reizvoll, weil es eben nur den Erhalt des aktuellen Zustandes wiederspiegelt. Die drei, vier Wochen Urlaub im Jahr wirken kümmerlich verglichen mit dem täglichen Alltag. Das Problem liegt also in einer Zieldefinierung zur Motivationsfindung. Aber auch mir fällt da nichts ein.
— 'les maths · Mär 31, 13:22 · #
Wenn ich darüber nachdenke, dann habe ich mir eigentlich nie wirkliche Ziele gesetzt. Sachen wie die Diplomarbeit sind ja eigentlich keine Ziele sondern Arbeiten die auf dem Weg zu einem Ziel notwendig werden. Wahrscheinlich ist diese Unterscheidung zwischen dem Zustand, in dem man sich irgendwann sehen möchte und den Arbeiten auf dem Weg dorthin ziemlich wichtig. Wenn man von unten rangehend sich einer Arbeit verschreibt und man sich erst während der unmotivierten Bearbeitung Gedanken darüber macht, was man damit eigentlich anfängt, dann arbeitet man in die falsche Richtung und verzettelt sich zudem in fruchtlosen Sinnfragen. So gelingt auch nicht die Kopplung zwischen dem Ziel und dem Jetztzustand, also gibts auch keine Motivation. Am Anfang sollte demnach wohl die Frage stehen, was ich eigentlich will. Wo möchte ich mich in fünf Jahren sehen, was ist mein Langzeitvorhaben? Darauf folgend: wie komme ich dahin? Wenn man weiß, dass man in die richtige Richtung arbeitet, dann ist es auch leichter, irgendwelchen Kram zu machen, dessen Entlohnung mir die Verfolgung des Ziels ermöglicht. Ich finde das klingt ganz brauchbar.
— Motz · Mär 31, 18:12 · #
Und? Wo willst du in 5 Jahren stehen?
— die Schnepfe · Apr 1, 08:41 · #
diese frage zu beantworten dauert etwas länger, denke ich…
— 'les maths · Apr 1, 22:30 · #
ich hab Zeit…
— die Schnepfe · Apr 3, 10:24 · #
Nach kurzem Grübeln hatte ich ein Grundkonstrukt verfasst und kam ganz schnell auf über zwei Word-Seiten. Dieses will ich euch nun doch nicht antun und reduziere es auf einen(wenn auch naiv klingenden) Kernpunkt:
Ein zufriedenes Leben in dem ich mit mir und dem Rest der Welt ein halbwegs glückliches Auskommen finde. Das teilt sich verschiedene Aspekte, vom Sozialen, übers Monetäre bis zur Selbstverwirklichung.
Darunter folgt die Projektebene mit, den Dingen, die man zum Erreichen des obigen Zustands benötigt und darunter die konkrete Arbeitsschrittebene.
Dabei ist es wichtig, die Ebenen und darin die Kategorien nicht durcheinander zu werfen, sowie mittendrin den Link nach oben nicht zu verlieren.
Ein einfaches Beispiel wäre der Geburtstag eines Freundes. Planlos rangehend hieße das: ein Geschenk zu besorgen ist sozial opportun, wobei man eigentlich keine Lust hat, bei dem Wetter rauszugehen und es überhaupt schon wieder zu anstrengend ist. Es wird unabhängig vom Freund, den man eigentlich sehr gern hat, zur Nervaufgabe, die man gern vertagt. Man kann aber auch anders rangehen:
Das Ziel: ein schönes Leben.
Eine Kernkomponente: die funktionierende Einbettung in ein soziales Umfeld
Daraus folgt auf der Projektebene als Handlungsanweisung: Bringe deinem sozialen Umfeld die Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegen, die du selbst gern hättest. Geburtstagsgeschenke sind gute Gelegenheiten dazu.
Konkrete Arbeitsschritte: Ideenfindung, ggf. Absprache für ein Gemeinschaftsgeschenk, Beschaffung, Präsentation und Übergabe.
Wenn das so läuft, hat man die Relevanz der ToDos verinnerlicht und kann das Stapfen durch eine Einkaufszone im Regen mit dem positiv besetzten Zielzustand des “eigentlich will ich meine Ruhe” in Verbindung setzen. Über solche Abfolgne kann man eine Menge Ziele definieren, die dann einem selbst auch schlüssig sind.
— Motz · Apr 15, 15:16 · #
Sehr gut! Genauso habe ich mir das vorgestellt. Allerdings sind wir mit dem Zeitplan ein wenig hinterher, was das Gemeinschaftsgeschenk angeht. Aber gemessen an den letzten Jahren liegen wir eigentlich noch ganz gut im Plan… ;)
— die Schnepfe · Apr 17, 08:58 · #